Spanien 151 – ein ausgezeichnetes Portrait

Übersetzen bedeutet ja nicht nur, Texte aus einer Sprache in eine andere zu übertragen. Es gehört auch eine gute Portion Hintergrundwissen zum Land, aus dem der Text stammt, und dem Land, für das die Übersetzung gedacht ist, dazu. Deshalb ist für mich die Weiterbildung, was  die Landeskunde meiner Arbeitssprachen betrifft, ein wichtiger Teil meines Berufs. Ihn pflege ich gerne, indem ich viel lese – gute Bücher und nicht nur im Internet. Eines dieser, aus meiner Sicht, guten Bücher möchte ich heute empfehlen: Spanien 151 von Lisa Graf-Riemann.

Spanien 151 von Lisa Graf-Riemann

Spanien 151 von Lisa Graf-Riemann

Zugegeben, zunächst war ich skeptisch, denn Flamenco-Tänzerinnen wie die auf dem Cover sind noch nie mein Fall gewesen. Meine Skepsis verwandelte sich aber schnell in Begeisterung, nachdem ich die ersten Seiten gelesen hatte. Denn schon beim Blick ins Inhsaltsverzeichnis stellte ich fest, dass man dieses Buch – im Gegensatz zu vielen anderen landeskundlichen Büchern – nicht von vorne nach hinten lesen muss. Nein, das Werk von Lisa Graf-Riemann ist in schmackhafte Häppchen aufgeteilt, die man sowohl am Stück als auch nach und nach lesen kann. Ganz so, wie es am besten zum jeweiligen Lesevehalten passt.

Zudem ist jede „Momentaufnahme“, also jedes Kapitel, sehr kurz, knackig und prägnant verfasst. Die Autorin schafft es, das jeweilige Kapitelthema ausgesprochen kurzweilig und interessant auf den Punkt zu bringen. Kurzweilig – das Trifft es gut. Für Leseratten wie mich schon fast zu kurz, aber das ist ja der Sinn des Buches! Und Lisa Graf-Riemann schafft es bei mir auch, mich mit jeder Momentaufnahme zu begeistern, mich dazu anzuregen, mehr über das Gelesene zu erfahren, mich weiter zu informieren. Ja, denke ich da als geübte Leserin, wenn nur jede Sachbuchlektüre so mitreißend wäre!

Und für Spanien-Kenner und solche, die es werden wollen, ist das Buch tatsächlich anregend! Und zwar nicht nur wegen seiner Aufmachung. Der Inhalt ist so unglaublich vielfältig. wie ich es bisher selten bei einem Spanienbuch erlebt habe. Es wird wirklich ganz Spanien abgedeckt, von Nord nach Süd und von Ost nach West. Die Vielfalt Spaniens kommt ausgezeichnet zum Ausdruck, die kulturelle, gesellschaftliche, aber auch kulinarische Vielfalt des Landes. Schon allein das macht das Buch sehr lesenswert, so mannigfaltig sind viele andere Spanienbücher eben nicht.

Dabei beschränkt sich Lisa Graf-Riemann nicht nur auf die hier in Deutschland geläufigen „Spanienthemen“ wie Flamenco, Sangría oder Fiesta. Nein, trotz – oder gerade wegen? – des kompakten Schreibstils geht die Autorin in die Tiefe, zeigt Seiten des Landes auf, die hierzulande vermutlich nicht viele kennen werden. Oder wussten Sie beispielsweise, dass die Lutscher namens Chupa Chups ursprünglich aus Spanien kommen? Bei Tío Pepe, Osborne und Freixenet – die ebenfalls im Buch verewigt wurden – ist das vielleicht bekannter. Noch ein Beispiel: Wer Kleidung von Desigual mag, mag Kleidung einer spanischen Firma.

Auch die Bräuche und Eigenheiten Spaniens nimmt die Autorin unter die Lupe. Sie beschränkt sich dabei nicht nur auf nationale Bräuche wie die Feierlichkeiten am Dreikönigstag am 6. Januar oder rund um Ostern, sondern schreibt auch über regionale Sitten wie den weihnachtlichen Tió in Katalonien. Oder vielleicht kennen Sie schon die Blindenlotterie ONCE, haben die Stände in Ihrem letzten Urlaub schon einmal gesehen? Möglicherweise ist Ihnen auch schon bekannt gewesen, dass der Tag des Buches („Día del ibro“) spanischen bzw. katalanischen Ursprungs ist?
Ein weiteres wichtiges Thema ist die Frage Duzen oder Siezen? Wer schon einmal in Spanien gewesen ist, wird wahrscheinlich bereits wissen, dass ganz anderes geduzt und gesziet wird als in Deutschland. Bisher habe ich darüber aber nie so prägnant und gleichzeitig spannend darüber gelesen wie in Frau Graf-Riemanns Buch. Dasselbe gilt beispielsweise auch Dinge wie Bezahlen, Trinkgelder und dergleichen. Und die sind nicht nur für Touristen interessant, sondern auch Experten wie Spanisch-Übersetzern.

Ein weiterer Bereich, dem sich Lisa Graf-Riemann ausführlich widmet, sind Sehenswürdigkeiten im Land. Wer sie bisher noch nicht kannte, dem empfehle ich das Kapitel über die Kathedrale von Don Justo oder das über den Jakobsweg. Nicht minder reizvoll ist das Kapitel über die Exklaven Ceuta und Melilla, die beiden spanischen Städten auf dem afrikanischen Kontinent. Und (nicht nur) wegen der Unabhängigkeitsbewegung in Katalonien hat das Kapitel über die spanischen Autonomien („Comunidades Autónomas“) einen sehr aktuellen Bezug, auch deshalb, weil jede einzelne der Autonomien mit ihren Eigenheiten eine Reise wert ist. Wie dieses Buch mit seinen lebendigen Momentaufnahmen eindrucksvoll unterstreicht.

Das Buch hält auch Informationen für die Liebhaber kulinarisches Köstlichkeiten bereit. Es wird erklärt, was Gazpacho tatsächlich ist, welche Bedeutung Schokolade oder die weihnachtlichen Turrones haben und was Tapas und Tortilla sind. Für viele Leser unerwartet werden dagegen die Kapitel zu Safran („Azafrán“) und Zucker („Azúcar“), aber mit beidem verbindet Spanien ein ganz besondere Beziehung, noch aus arabischer Zeit. Auch Rosmarin („El romero“) spielt in Spanien eine besondere Rolle. Wer Appetit bekommen hat, sollte das Buch spätestens jetzt kaufen, denn die Bandbreite der Kapitel zu diesem genussreichen Thema ist damit längst noch nicht erschöpft.

Last but not least möchte ich nicht unerwähnt lassen, dass auch sehr gezielt und konkret auf die aktuelle Situation Spaniens (2012) eingegangen wird. Die Kapitel zu diesem wichtigen Thema runden das Buch nicht nur ab, sondern machen es endgültig zu einer gelungenen Sammlung von Momentaufnahmen. Kapitel wie das zur derzeitigen Krise („Estamos en crisis“) oder zum Abfall („Prohibido depositar basura“) werden treffend wie informativ beschrieben. Sie sind ein gutes Beispiel für die Fachkompetenz der Autorin und erinnern uns Leser daran, dass Spanien neben seinen vielen wunderschönen eben auch seine negativen Seiten hat.

Insgesamt ist das Buch „Spanien 151“ nicht nur lesenswert und informativ, sondern stellt die vielen Facetten des Deutschen (immer noch) liebsten Urlaubslands dar. Im positiven Sinne bemerkenswert finde ich, mit wie viel Sachkenntnis, Einfühlsamkeit und Liebe zum Land Lisa Graf-Riemann alle Aspekte im Buch beschreibt und dabei nie langweilig wird. Die Unterteilung in kurze Aufsätze, die sich problemlos auch kreuz und quer lesen lassen, macht das Buch gerade in kalten Wintertagen, wenn sich viele schon wieder auf den nächsten Sommerurlaub freuen, zu einer erholsamen, weil kurzweiligen Lektüre für alle, die mehr über Spanien erfahren möchten.

Wer noch ein passendes Buchgeschenk zu Weihnachten sucht, der kann mit diesem Buch nichts falsch machen!

Meine Bewertung: 10 von 10 Punkten für ein gelungenes Werk

Advertisements

4 Kommentare

Eingeordnet unter Bücher

4 Antworten zu “Spanien 151 – ein ausgezeichnetes Portrait

  1. Vielen Dank für diese kluge und sympathische Rezension, Steffi! Ich bin ganz gerührt, snif!

  2. Tapas, Turrones, Tortilla … Habe jetzt Appetit bekommen. Und da ich nächstes Jahr einen Urlaub in Spanien plane, klingt das für mich wie die ideale Lektüre zur Einstimmung.

  3. Pingback: Spanien 151 | Lisa Graf-RiemannLisa Graf-Riemann

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s