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Warum „billig“ das falsche Ziel ist

Der Trend zur Billigübersetzung ist ungebrochen. Unternehmen versuchen permanent, ihre Ausgaben zu senken, da werden alle Posten unter die Lupe genommen – Übersetzungen natürlich auch. Welche Folgen hat dieses Vorgehen?

Bei der Budgetplanung für das Folgejahr werden Kostenstellenleiter meist gebeten, ihre Kosten zu reduzieren. Da gibt es die dicken Posten, an denen gekratzt wird, und auch die kleineren, die – wenn sie denn ganz ersatzlos gestrichen werden – demjenigen, der das Budget genehmigt, Zufriedenheit verschafft. Ein Jahresabo für eine Fachzeitschrift? Unnötig – gestrichen! Hach, wie gut das tut! Dass man dadurch Gefahr läuft, nicht mehr auf dem Laufenden der technischen Entwicklungen zu sein, ist doch nicht so schlimm – oder?

Übersetzungen sind für Budgetwächter ein gefundenes Fressen, und ihre Notwendigkeit wird in vielen Firmen Jahr für Jahr systematisch in Frage gestellt. So fällt dann immer wieder etwas weg: der interne Newsletter, die internen Personalinfos, Presseartikel über die Wettbewerber usw. Intern arrangieren sich die Menschen, lernen mehr schlecht als recht die Konzernsprache (wenn es nicht die englische Sprache ist), nehmen mit der meist englischsprachigen Version vorlieb (denn: Englisch kann ja heute jeder!) oder ignorieren die Infos – man muss ja auch mal ein Risiko eingehen. Übrigens werden bei solchen Streichaktionen in den seltensten Fällen die externen Dienstleister, die bisher mit der Übersetzung dieser Texte betraut waren, informiert. Der Übersetzer wird’s schon merken, wenn plötzlich das, was regelmäßig eintrudelte, nicht mehr kommt.

Sind bestimmte Übersetzungen doch unverzichtbar, wird viel häufiger als bisher geprüft, ob es denn irgendwo „günstiger geht“. Die Abteilung Einkauf wird beauftragt, die Sachlage zu untersuchen. Sicher legitim, schließlich macht das auch jeder Privatmensch, der einen Fernseher oder einen Staubsauger kaufen will. Hat bisher jemand in Deutschland, Frankreich oder Großbritannien die Texte bearbeitet, könnte man doch ermitteln, ob die Preise bei Übersetzern in Südeuropa nicht etwas günstiger sind. Ja, das sind sie.

Moment mal … Im Zeitalter von Internet, Skype und Globalisierung könnte man doch auch prüfen, wie es sich mit den Preisen auf anderen Kontinenten verhält. In Ländern wie Indien oder China betragen die Wortpreise nur noch einen Bruchteil dessen, was hierzulande üblich ist. Wie bitte? 1 oder 2 Cent pro Wort? Ja, und es finden sich immer wieder Menschen, die – aus welchen Gründen auch immer, das will ich hier und heute nicht besprechen – bereit sind, dafür oder hier in Europa auch für 5 oder 6 Cent pro Wort zu arbeiten.

Der überwiegende Teil (schätzungsweise 80-90% % des Übersetzungsaufkommens) des weltweiten Übersetzungsbedarfs – in Englisch gerne als bulk market (Massenmarkt) bezeichnet – betrifft Texte, bei denen es durchaus genügt, wenn sie „mittelmäßig bis ganz gut“ übersetzt sind. Schließlich müssen sie ja „nur“ verständlich sein, wie der Kunde häufig erwähnt. Diese Übersetzungen dienten ja, so die Erklärung, keinem „höheren / wichtigen“ Zweck, denn sie sind naturgemäß schnell vergänglich, weil sie einem punktuellen Ziel oder Bedarf gerecht werden. Daher können sie von Übersetzern angefertigt werden, die mit hohem Output im unteren bis mittleren Preissegment angesiedelt sind. Damit soll dieser Bereich keineswegs abgewertet werden.

Im Massenmarkt sei es „nicht so schlimm“, wenn Übersetzungen nicht 100 % korrekt sind, meinen die entsprechenden Entscheider, die nicht selten auch für eine maschinelle Übersetzung optieren. Wird diese anschließend von einem sog. Human Translator geprüft und korrigiert (man spricht von Post-Editing), dann hat die Zielgruppe des übersetzten Textes gute Chancen, ein ordentliches Ergebnis zu bekommen. Wird dieser Vorgang von den Geldgebern als überflüssig erachtet, dann hagelt es Fehler, die im besten Fall lustig und meist peinlich sind, im schlimmsten Fall zu Unfällen mit Personenschaden führen können.

Der jüngste peinliche Fall ist die Fehlübersetzung der Website der chinesischen Alibaba Group. Da veranstaltet ein Riesenkonzern einen der größten Börsengänge aller Zeiten und sammelt dadurch mehrere Milliarden Dollar ein und spart an den Übersetzern. Ergebnis: „Die deutsche Internetpräsenz ist leider der größte Sprachunfall der Geschichte“, titelte die FAZ am 19. September 2014.  Was sagt das aus? Ganz einfach: Dass dem Unternehmen der deutsche Markt sch***egal ist. Wenn aus „body parts“ (engl. für Karosserieteile) „Körperteile“ gemacht werden oder „100 % indische jungfrau menschenhaar“ angeboten wird, da fehlen einem die Worte.

Wenn auf einer Speisekarte im Ausland „extrem hübsche Hasenbeine“ angeboten werden, finden das die meisten lustig. Wenn Billigübersetzungen nicht nur peinliche Pannen, sondern ein Sicherheitsrisiko darstellen, ist allerdings das Ende der Verständnisfahnenstange erreicht. Bei technischen Unterlagen zu Maschinen und Fahrzeugen, Berechnungen in Konstruktionsplänen u.ä. Texten ist ein „Sparen am Übersetzer“ fehl am Platz – das leuchtet ein. Stellen Sie sich vor, dass aufgrund eines Übersetzungsfehlers ein Flugzeugtriebwerk ausfällt oder aber der Airbag eines in Serie gefertigten Autos im Bedarfsfall nicht ausgelöst wird und deshalb eine kostspielige Rückrufaktion durchgeführt werden muss.

Aber auch im Bereich Marketing, wo es um die Botschaft eines Unternehmens, um Produktnamen und Erläuterungen zu deren Nutzung geht, kann einiges schief gehen – und nicht nur wegen der berühmten falschen Freunde, die bei dem wohlduftenden „morning mist“ die Vorstellung von unangenehmer Landluft wecken. Beispiele werden in Hülle und Fülle u.a. auf Facebook und Twitter gepostet.

Firmen, die im Premiumbereich tätig sind und ihre Premiumprodukte vermarkten, achten darauf, Premiumübersetzer zu beauftragen. Warum? Weil die Kosten für fehlerhafte Übersetzungen – vom angeschlagenen Image bis hin zu tatsächlichen Verlustgeschäften – so hoch sind, dass das Risiko von Fehlübersetzungen nicht zu verantworten wäre. Und schließlich zeigt auch die gute Übersetzung einer Website, einer Presseinfo oder einer Bedienungsanleitung, dass das Unternehmen seine Kunden wertschätzt, wie bereits in meinem früheren Blogpost „Gute Übersetzung – Wertschätzung des Endkunden“ erläutert wird.

Während der Massenmarkt für Übersetzungen, der im Wesentlichen über Agenturen von schätzungsweise 90 % der Übersetzer bedient wird, die einem kontinuierlichen Preisdruck ausgesetzt sind, suchen die Kunden im sog. Premiummarkt händeringend nach Spitzenübersetzern und zahlen ihnen gerne Spitzenpreise. Warum? Das ist es ihnen wert. Und weil Übersetzer, die auf diesem gewünschten hohen Level, mit den geforderten Fachkenntnissen und der benötigten Sprachgewandheit arbeiten, relativ rar sind. Warum? Diese Frage werde ich in einem anderen Blogpost versuchen zu beantworten.

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Für diesen Gastbeitrag bedanke ich mich herzlich bei meiner geschätzten Kollegin Giselle Chaumien des Rüsterweg-Blogs.

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